Im Kaufhaus gewesen. Geweint. Schon lange vor dem 125. Geburtstag des Prager Dichters am 3. Juli und auch jetzt noch kann man den Biografien, Hörbüchern, Werkausgaben und Interpretationsversuchen zu Franz Kafka kaum ausweichen. Kafkas Sätze begegnen uns aber nicht nur täglich im Feuilleton der FAZ, sondern ausgerechnet und völlig unerwartet bei Karstadt in der Mönckebergstraße in Großlettern neben der Rolltreppe. «Die Feinfühligen und Sehnsüchtigen halten den feinerer Stoff des Lebens in ihren Händen» kann man da im geistlos banalen Sommer-Schluss-Verkaufs-Gedränge lesen. Der Autor von «Das Schloss» und «Die Strafkolonie» als Vorlagengeber und Phrasendrescher für den Stoff, aus dem die Sonderangebote sind. Fast schon wieder genial, dieser Schrott.
Getaggte Beiträge ‘Hamburg’
Kafka bei Karstadt
Dienstag, 5. August 2008Summer in the City
Sonntag, 27. Juli 2008Seit ein paar Tagen ist es auch in Hamburg Sommer geworden, und am Freitagabend nach einem stickig heißen Tag im Büro haben wir das einzig richtige gemacht. Schwimmen gehen im Stadtparkbad. Dort scheint um neun Uhr noch die Sonne, weil die Lage des rieisgen Badesees am Ende des langgestreckten Hamburger Stadtparks ideal ist.
Geschwommen wird im Alsterwasser, also gibt es kein Chlor, nur etwas grünes Wassergras, das Becken ist ungefähr 150 Meter lang, man kommt sich also nicht in die Quere. Und grün ist ist dank der großen Kastanienbäume rundherum auch.




Mark Rothko in der Hamburger Kunsthalle
Donnerstag, 29. Mai 2008Unbedingt empfehlenswert ist die große Rothko-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle. Soviele Rothkos werden nicht mehr zu einer Ausstellung zusammenkommen, dafür sind die Werke des amerikansichen Künstlers, der 1970 in seinem Atelier Selbstmord beging, viel zu teuer geworden. In Hamburg lässt sich die Genese eines Malers von expressionistischen Anfängen in den dreißiger Jahren gut studieren. Immer wieder malt Rothko Menschen in der New Yorker U-Bahn, die Gesichter sind schon verwischt. In den 40er Jahren folgen große mythologische Entwürfe, höchst dynamische Tableaus, bevor dann die Farbe leuchtet in den zumeist großformatigen Arrangements, die auf dem Kunstmarkt mittlerweile Höchstpreise erzielen.
Mit einem Label wie “Abstrakter Expressionismus” kommt man bei Rothko nicht viel weiter: selten strahlte Farbe so konkret und autonom und schon wieder fast überirdisch wie in diesen Gemälden, von denen etwas nachhaltig Existentielles ausgeht: “Ich bin kein Abstraktionist. Mich interessiert nicht das Verhältnis von Farbe und Form oder irgend so etwas. Mich interessiern nur die grundlegenden menschlichen Emotionen: Tragödie, Ekstase, Schicksal”. Davon kann man sich in Hamburg überzeugen. Bis 24. August.

Schneller leben mit dem Cyborg
Donnerstag, 15. Mai 2008Beschleunigung ist angesagt in diesem Jahr, alle Frühlingsfeiertage sind Mitte Mai schon Schnee von gestern, und ich passe mich an: Heute morgen Wecker um 6.30 Uhr, kurz nach sieben aufgestanden, Frühstück, ab kurz vor acht Bügeln, dazu den schönen südkoreanischen Psychiatriefilm «I’m a Cyborg, but that’s OK auf DVD, dazwischen geduscht, eine Maschine Wäsche gemacht, um 10 Uhr zum ersten Mal das Haus verlassen, Altpapier zur Tonne gebracht, im Reisenbüro einen Mietwagen für den Toskana-Urlaub gebucht, danach zum Wochenmarkt am Turmweg Spargel kaufen, zurück nach Eppendorf, beim Türken Petersilie und Rauke geholt, Schrippen beim Bäcker, zurück nach Hause, zweites Frühstück, dann zur Arbeit, um 11.20 Uhr im Büro eingetroffen. Puh, den Pressetermin um 11 Uhr zur Rothko-Austellung in der Kunsthalle souverän ignoriert.
17.18 Uhr´: So, und jetzt ist “I’m a Cyborg, but that’s OK” besprochen.
Pfingsten auf dem Fahrrad
Montag, 12. Mai 2008Mit tun die Beine immer noch weh, am Samstag ging es auf Pfingst-Radtour, morgens früh um halb neun war ich an den Landungsbrücken, die Kirmesbuden alle noch geschlossen, der Hafen wartete auf den großen Ansturm zum Geburtstag. Also rüber nach Finkenwerder, über Cranz und Borstel immer an der Elbe entlang zwischen blühenden Apfelbäumen bis nach Stade, wo ich etwas umhergeirrt bin; dann weiter über Bützfleth zur schönen Elbinsel Krautsand, mit wunderbar weißem Sandstrand, Campingplatz, Imbissbuden, das Sylt des kleinen Mannes. Aber ich wollte weiter, Richtung Oste ins Kehdinger Land hinen, weite Horizonte, Moorlandschaft, wenig Verkehr. An der Schwebefähre in Osten Mittagspause, dann weiter am rechten Ufer Richtung Oberndorf, das idyllisch mit Kirche am Ostefluss liegt. Ich dann weiter nach Süderdeich, dann über Freiburg zurück zur Elbe, mit letzter Kraft die Fähre in Wischhafen erreicht, rüber über den mächtig breiten Strom nach Glückstadt, mit dem Zug zurück nach Hamburg. Uff.


Im Laufe des Sonntags
Sonntag, 27. April 2008Einmal im Jahr gehört die Tarpenbekstraße den Radfahrern und Fußgängern: heute war Marathon-Tag in Hamburg. Die Läufer schaffen es, den Anwohnern einen autofreien Sonntagmorgen zu verschaffen.

Cocktail mit Aussicht
Donnerstag, 17. April 2008Es gibt nichts Besseres als an einem nur spärlich bewölkten Aprilabend um sechs Uhr nach getaner Arbeit hoch oben in der Tower-Bar des Hotels Hafen Hamburg in einem bequemen Fauteuil zu sitzen, vor uns das Glitzern des zerstoßenen Eises im Caipirinha-Tumbler, schimmernd die grünen Limetten, mit dem atemberaubenden Blick auf endlos Richtung Harburger Berge sich fortsetzende Hafenanlagen, Brücken, Container, Schiffswerften, Musicaltheater, etc. - und wie klein und spielzeughaft putzig wirken von hier die eifrig sich durch die Wellen arbeitenden Fährschiffe auf der sich dem Sonnenuntergang entgegenstreckenden Elbe!
Februar ist wunderbar
Montag, 18. Februar 2008Weil heute der Himmel schon wieder grau in grau wie die Wahlplakate der CDU herunterhängt, noch einmal Lichtblicke vom Wochenende an der Außenalster.


„Das letzte Feuer“ von Dea Loher
Sonntag, 27. Januar 2008Sie leben am Rand der Stadt, in schäbigen, abgenutzten, abgelebten Wohnungen, periphere Menschen, denen fast nichts mehr geblieben ist außer ihrer Hoffnung auf das ganz Andere.
Ein Kind, Edgar, ist bei einem Autounfall gestorben, ein bekokster Fahrer, ein herrenloses Auto, ein Fußball, ein Moment der Unachtsamkeit im gleißend hellen August: Gibt es einen Schuldigen für dieses Unglück? Vielleicht Rabe (grandios zurückgenommen: Hans Löw) , der Fremde, der von seinen Kriegserlebnissen traumatisierte? Oder die heillos zerstrittenen Eltern, Susanna (Natali Seelig) und Ludwig (Jörg Pose).
Regisseur Andreas Kriegenburg stellt die Unglücksmenschen von Dea Loher auf eine ständig rotierende Drehbühne: zwei Stunden lang gibt es keine festen Halt für das grandios aufspielende Ensemble. Sie irren von Zimmer zu Zimmer, verlieren sich auf der Straße, immer auf der Suche nach Erinnerungen und einer Geschichte, die sie gemeinsam erzählen könnten. Die Beziehungen sind brüchig, aber vielleicht liegt ja im kollektiven Bewusstwerden so etwas wie die Rettung.
„Das letzte Feuer“ von Dea Loher am Hamburger Thalia Theater, eine ganz starke Uraufführung, ein untröstliches, vielstimmiges Stück, mit berührenden Momenten: Markwart Müller-Elmau als arbeitsloser Hundebesitzer, der den jungen Olaf (Matthieu Svetchine), den Unglücksfahrer liebt; Susanne Wolff spielt eine Lehrerin, die durch eine Brust-OP aus dem Leben gefallen ist, Lisa Hagmeister ist eine verstörte Polizistin, die langsam in ihre Paranoia abgleitet.
Sandra Flubacher und Angelika Thomas kommentieren das Geschehen wie ein Chor, Katharina Matz als Oma Rosmarie kämpft tapfer gegen ihre Demenz an.
Hans Löw ist der große Unbekannte, ein Versehrter, seine Finger mit Mullbinden umwickelt: er kann nichts mehr ertasten, fühlt nichts mehr.
Am Ende gibt es einen komischen Epilog und viel Applaus.
Streets of my Town
Samstag, 12. Januar 2008So, jetzt ist die erste Arbeitswoche im neuen Jahr schon wieder rum. Gestern und vorgestern konnte man in Hamburg fast Frühlingsgefühle aufkeimen sehen - Fahrradfahrer ohne Handschuhe bei 8 Grad an der Alster, nicht schlecht. Da macht es wieder Spaß, mit dem Rad durch die Stadt zu stromern, ich bin wieder einmal durch meine Lieblingsstraße gefahren, Bernstorffstraße im Schanzenviertel, geht ab von der lauten Stresemannstraße, führt nach Süden, leicht ansteigend, teilweise mit niedrigen Häusern, auf der Hälfte hat man dann den Blick runter Richtung Hafen, nur ein kleiner Ausschnitt, meistens mit einem Kran im Bild.
Sehr hübsch, erinnert mich irgendwie an England oder Irland, diese Straße, keine Ahnung warum. Und ein altes Programmkino, das “Studio”, gibt es hier auch noch. Eigentlich müsste man mal wieder umziehen, aber wie ein Halbfremder durch die Stadt zu fahren, ist auch reizvoll.
Hexenschuss (2)
Montag, 12. November 2007Immer noch zu Fuß, aber erst einmal mit der U 3 Richtung Landungsbrücken, St. Pauli raus, kreuz und quer die kleinen Seitenstraßen um die Simon-von Utrecht-Straße herum erlaufen,
nichts los am Mittag, sehr trist, an der Großen Freiheit die St. Josephs-Kirche entdeckt, gleich gegenüber dem Konzertsaal Große Freiheit 36, der Ortsunkundige würde hier nicht unbedingt eine Kirche erwarten. Dahinter das „Grünspan“, ich muss an Hubert Fichte denken, unbedingt einiges wiederlesen. Kleine Idyllen in Hinterhöfen, viel saniert, auch viel Schrott aus den 70er Jahren. Kann man hier leben?
Über die Reeperbahn Richtung Hafen, die neuen großen Hotel-Neubauten in der Bernhard-Nocht-Straße, gleich an der Kante mit Hafenblick, in der ersten Reihe. Am Ende der Park, „Park Fiction“, die Wellblechpalmen und im Hintergrund wieder eine Kirche, ein schöner Hafen-Balkon. Und der Blick geht immer gen Westen, ins Freie hinaus, Richtung Nordsee, der tief stehenden Sonne hinterher.

Hexenschuss (1)
Samstag, 10. November 2007Ein Hexenschuss hat mich aus dem Sattel geholt, jetzt gehe ich zu Fuß, Entschleunigung ist angesagt. Gucken. Samstagmittag U 1 Richtung Innenstadt, mir gegenüber ein Typ mit Hund, die verspielte Töle etwas größer als ein Dackel, Lucy heißt er, sagt der Mann mit der Mütze, wie in dem Lied der Beatles, zwölf Jahre, und schütttet etwas Bier aus seiner offenen Flasche auf den Boden, der Hund stürzt sich auf die Pfütze. Verheiratet war er, aber die Frau habe nichts getaugt, Anwaltsgeschichten, aus wachen Augen schaut er mich an, seine Hände schwarz tätowiert mit Sternen und Mantras, und auf den Fingern die Buchstaben L O V E , wie Robert Mitchum in „Night of the Hunter“.
Jungfernstieg raus, 8 Grad, Sonne blinzelt tief über der Binnenalster, Fernsehturm streckt sich weiß in den fast wolkenlosen Himmel, Fahnen im Wind, Möwen auf Ausflugsschiffen, da hinten fährt der Zug übers Wasser, Hamburg liegt am Meer.
“Maß für Maß” ganz groß
Dienstag, 30. Oktober 2007Die Welt ist eine Bühne - ist ein aus groben Holzklötzen gezimmertes Rund, ein gnadenloser Präsentierteller, darauf wird verhandelt über Lust, Strafe, Sex, Tod und Teufel. Sie stolpern heran, krabbeln hoch, winden sich, die armen Menschentierchen, unter Shakespeares bösem Blick grell beleuchtet, gnadenlos entblößt bis auf die Haut, grotesk erhellt. Fürsten, Huren, Mönche, Kuppler, Säufer, keiner kommt ungeschoren davon.
Samstagabend Hamburg, Thalia Theater, Premiere von Shakespeares haarsträubend düsterer Komödie „Maß für Maß“, „Measure for Measure“. Ein erhellender Abend, Regisseur Stefan Bachmann hat die „dark comedy“ beherzt und ohne Regie-Mätzchen beim Schopf gepackt.
Der Fürst (Stephan Schad) hüllt sich in ungelenke Polit-Sprechblasen und entschwebt mit dem Hubschrauber, hinterlässt den kalten Puritaner Angelo (großartig: Norman Hacker) als Stellvertreter. Aber der Tugendbeamte verliebt sich in die verstockt keusche Novizin Isabella (ebenso großartig Maren Eggert), die um das Leben ihres zum Tode verurteilten Bruders Claudio (Jörg Koslowsky) fleht. Das perfide Spiel nimmt seinen Lauf, am Ende kommt der Henker und lässt (nur) Melonen köpfen.
Der Knoten löst sich, aber nicht beschwingt, eher widerwillig, großes Theater komprimiert in zwei packenden Stunden. Viel Applaus.
Heraus zum 1. Mai!
Mittwoch, 2. Mai 2007
Gestern wie immer am 1. Mai die schon obligatorische Fahrradtour, bei strahlendem Sonnenschein. An der Elbe ist es an solchen Tagen immer zu voll, also fuhren wir mit der Hochbahn Linie 1 in den weitgehend unbekannten Hamburger Norden. Station Kiwittsmoor raus, Richtung Norderstedt, dann auf Nebenstrecken weiter durch den Tangstedter Forst nach Wilstedt, später bis zu dem Örtchen Nahe durch das obere, nur von wenigen Radfahrern durchkreuzte Alstertal, viele Naturschutzgebiete, zurück über Tangstedt. Das waren gute vier Stunden im Sattel. Aua.
Es war einmal…
Freitag, 12. Januar 2007
Schnee in Hamburg-Eppendorf. Das Bild entstand 2003, und obwohl es auch in den letzten Wintern auch hier im Norden immer Schnee gab, schwebt so etwas wie Nostalgie oder Wehmut über dem Foto. Es gibt noch Schnee, es wird irgendwann wieder schneien, aber eigentlich haben wir diese Landschaften schon aus unserem Gefühlsrepertoire verabschiedet - heute, in diesen warmen, windigen Zeiten, in denen die Braunbären unter Winterschlaflosigkeit leiden.