Mit “brand eins” auf der Autobahn

Montag, 7. Juli 2008 by Mr. Cinema

Gestern von Münster zurück nach Hamburg gefahren, schönes Wochenende in Westfalen, für die Fahrt als Lektüre an der Tankstelle noch “brand eins”, das Wirtschaftsmagazin, mitgenommen. Das Cover der Juliausgabe war mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen, eine Bilderserie des Fotografen Andreas Machanek, deutsche Doppelhaushälften wie man sie sich aufgeräumter und gespenstischer kaum vorstellen könnte.

Das Heft mit dem Schwerpunktthema Besitz und Eigentum fand ich spannend, gelungener Themenmix mit längeren Essays und Reportagen über beispielsweile einen Großbauern, der an die Börse gegangen ist, Leute, die sich von ihrem Besitz getrennt haben, oder sockenstrickenden rumänischen Frauen in einem kleinen Dorf in Siebenbürgern. Layout und Fotos sind echt klasse. “brand eins” lohnt sich, und mit Wirtschaft im weitesten Sinne haben wir doch alle tagtäglich zu tun, oder?

Distinktion und Einbauküche

Montag, 30. Juni 2008 by Mr. Cinema

Alle Feuilletons machen heute auf mit nicht gerade euphorischen Berichten vom auf zwei Tage verkürzten Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Den schönsten Bericht schrieb Gerrit Bartels im Berliner “Tagesspiegel”, der seine Befremdung angesichts der artifiziellen Prosa-Laubsäge-Arbeiten der meisten Autoren so artikulierte: ” Wer mit der Popkultur großgeworden ist, mitten im Arbeitsleben steht, kleine Kinder groß zieht, in Städten wohnt, zwischen Distinktion und Einbauküche schwankt oder sich gerade über eine Gesellschaft wundert, in der drei Wochen nichts anderes zählt als Fußball, fühlte sich in diesen Klagenfurter Tagen etwas fremd.”

In Italien

Donnerstag, 19. Juni 2008 by Mr. Cinema

Ein paar Tage brauche ich schon, um nach dem Urlaub wirklich zurück
zu sein im Alltag, zwei intensive Wochen Toskana hinterlassen einfach ihre Spuren, zum Glück. Es war Frühling in und um Siena herum, unglaublich viele Blumen auf den Feldern, richtige Klatschmohnorgien, rote Farbteppiche, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Siena ist auch bei bewölktem Himmel schön, der Campo, die engen Gassen, das Café del Corso. Über allem thront der Dom mit seiner unglaublichen Zuckerbäckerfassade. Dann haben wir uns auf die Spuren des Renaissance-Künstlers Piero della Francesca (1420-1492) gemacht, nach Arezzo, der Freskenzyklus in der Basilica di San Francesco ist ein Muss, mit dem Traum des Konstantin im mystisch erleuchteten Zelt, dann die Magdalena in Duomo, mit ihrem geheimnisvollen leuchtenden Kristall in der Hand.
Weiter ging es nach Monterchi, wo sich das Fresko der Madonna del Parto befindet, und nach Sansepolcro, der Geburtsstadt des Künstlers, wo man im Museo civico unter anderem das monumentale Auferstehungs-Fresko bewundern kann. Eine wunderbare Kunst-Tour für einen Tag.

Die meiste Zeit allerdings waren wir in der nähereren Umgebung unterwegs, der sogenannten Montagnola südwestlich von Siena. Zu verwunschenen Dörfern wie Scorgano oder Strove, die kleinen verkehrsarmen Straßen sind sehr gut zum Mountain-Biken. Und gewandert sind wir auch, auf den mächtig bewaldeten Colle Chiupi, bei strömenden Regen.

Stilleben mit Cappuccino

In den Süden

Samstag, 31. Mai 2008 by Mr. Cinema

Heute geht es für zwei Wochen nach Italien, die Aufnahme entstand letztes Jahr am spektakulären Monte Argentario, einer Halbinsel in der Südtoskana.

Mark Rothko in der Hamburger Kunsthalle

Donnerstag, 29. Mai 2008 by Mr. Cinema

Unbedingt empfehlenswert ist die große Rothko-Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle. Soviele Rothkos werden nicht mehr zu einer Ausstellung zusammenkommen, dafür sind die Werke des amerikansichen Künstlers, der 1970 in seinem Atelier Selbstmord beging, viel zu teuer geworden. In Hamburg lässt sich die Genese eines Malers von expressionistischen Anfängen in den dreißiger Jahren gut studieren. Immer wieder malt Rothko Menschen in der New Yorker U-Bahn, die Gesichter sind schon verwischt. In den 40er Jahren folgen große mythologische Entwürfe, höchst dynamische Tableaus, bevor dann die Farbe leuchtet in den zumeist großformatigen Arrangements, die auf dem Kunstmarkt mittlerweile Höchstpreise erzielen.

Mit einem Label wie “Abstrakter Expressionismus” kommt man bei Rothko nicht viel weiter: selten strahlte Farbe so konkret und autonom und schon wieder fast überirdisch wie in diesen Gemälden, von denen etwas nachhaltig Existentielles ausgeht: “Ich bin kein Abstraktionist. Mich interessiert nicht das Verhältnis von Farbe und Form oder irgend so etwas. Mich interessiern nur die grundlegenden menschlichen Emotionen: Tragödie, Ekstase, Schicksal”. Davon kann man sich in Hamburg überzeugen. Bis 24. August.

Wie Samuel Pepys die Welt sah

Freitag, 23. Mai 2008 by Mr. Cinema

Er schwört, nicht mehr ins Theater zu gehen. Oder zuviel zu trinken. Jeden Tag ist er unterwegs in der Stadt, arbeitet im “Naval Office”, trifft sich mit einflussreichen Leuten, pflegt seine Verbindungen. Er ist verheiratet, keine Kinder, aber Dienstmägde und Boten. Ein bürgerlicher Aufsteiger. Einem Seitensprung geht er nicht aus dem Weg. Samuel Pepys, ein Londoner durch und durch, geboren 1633 an der Themse, gestorben 1703.

Pepys ist der berühmteste Tagebuchschreiber des 17. Jahrhunderts, von 1660-1669 führte er sein “Diary”, ausführllichste Alltäglichkeiten, dazwischen Weltbewegendes, Kriege, die Pest in London 1665 (”the plague”), ein Jahr später das große Feuer.
Auf neun CDs liegt Pepys’ Diary als englisches Hörbuch vor, gelesen von Schauspieler Kenneth Branagh, sehr lakonisch, ohne zu große Emphase. Sehr zu empfehlen.

Schneller leben mit dem Cyborg

Donnerstag, 15. Mai 2008 by Mr. Cinema

Beschleunigung ist angesagt in diesem Jahr, alle Frühlingsfeiertage sind Mitte Mai schon Schnee von gestern, und ich passe mich an: Heute morgen Wecker um 6.30 Uhr, kurz nach sieben aufgestanden, Frühstück, ab kurz vor acht Bügeln, dazu den schönen südkoreanischen Psychiatriefilm «I’m a Cyborg, but that’s OK auf DVD, dazwischen geduscht, eine Maschine Wäsche gemacht, um 10 Uhr zum ersten Mal das Haus verlassen, Altpapier zur Tonne gebracht, im Reisenbüro einen Mietwagen für den Toskana-Urlaub gebucht, danach zum Wochenmarkt am Turmweg Spargel kaufen, zurück nach Eppendorf, beim Türken Petersilie und Rauke geholt, Schrippen beim Bäcker, zurück nach Hause, zweites Frühstück, dann zur Arbeit, um 11.20 Uhr im Büro eingetroffen. Puh, den Pressetermin um 11 Uhr zur Rothko-Austellung in der Kunsthalle souverän ignoriert.
17.18 Uhr´: So, und jetzt ist “I’m a Cyborg, but that’s OK” besprochen.

Pfingsten auf dem Fahrrad

Montag, 12. Mai 2008 by Mr. Cinema

Mit tun die Beine immer noch weh, am Samstag ging es auf Pfingst-Radtour, morgens früh um halb neun war ich an den Landungsbrücken, die Kirmesbuden alle noch geschlossen, der Hafen wartete auf den großen Ansturm zum Geburtstag. Also rüber nach Finkenwerder, über Cranz und Borstel immer an der Elbe entlang zwischen blühenden Apfelbäumen bis nach Stade, wo ich etwas umhergeirrt bin; dann weiter über Bützfleth zur schönen Elbinsel Krautsand, mit wunderbar weißem Sandstrand, Campingplatz, Imbissbuden, das Sylt des kleinen Mannes. Aber ich wollte weiter, Richtung Oste ins Kehdinger Land hinen, weite Horizonte, Moorlandschaft, wenig Verkehr. An der Schwebefähre in Osten Mittagspause, dann weiter am rechten Ufer Richtung Oberndorf, das idyllisch mit Kirche am Ostefluss liegt. Ich dann weiter nach Süderdeich, dann über Freiburg zurück zur Elbe, mit letzter Kraft die Fähre in Wischhafen erreicht, rüber über den mächtig breiten Strom nach Glückstadt, mit dem Zug zurück nach Hamburg. Uff.

Am Hafen in Freiburg

The Notwist sind endlich wieder da

Freitag, 2. Mai 2008 by Mr. Cinema

“The Devil, You + Me”, das neue Album der Weilheimer Ausnahmeband The Notwist erscheint heute. Keine leichte Kost, beim ersten Hören war ich fast enttäuscht. Aber wenn man sich in die Platte hineinhört, öffen sich viele Türen: so intelligent kann Indie-Elektronic-Pop klingen. Aber mit solchen Kategorien kommt man hier eigentlich nicht weiter. Man muss sie hören, Stücke wie das traumhafte “Gloomy Planets”, dern Titelsong oder den Opener “Good Lies”. Man muss die Stimme von Markus Acher hören, beschwörend, eindringlich, skeptisch. Martin Gretschmann aka Console sorgt für computer-gestützte Synthie-Zauberklänge: “Let’s just imitate the world, until we find a better one”, heißt es in einem Song. Je länger ich den Sirenenklängen von “The Notwist” zuhöre, desto besser klingt für mich diese genial ausgereifte Platte.

Im Laufe des Sonntags

Sonntag, 27. April 2008 by Mr. Cinema

Einmal im Jahr gehört die Tarpenbekstraße den Radfahrern und Fußgängern: heute war Marathon-Tag in Hamburg. Die Läufer schaffen es, den Anwohnern einen autofreien Sonntagmorgen zu verschaffen.

Eine Lola macht noch keine Sommer

Samstag, 26. April 2008 by Mr. Cinema

Doch, der Glamourfaktor stimmte, gestern bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise. Moderatorin Barbara Schöneberger machte ihre Sache ganz gut, trotz grünem Kleid und nervigen Gesangseinlagen. Die Branche feierte sich wieder einmal selber, völlig in Ordnung, Fatih Akin ging als großer Sieger mit vier Lolas nach Hause. Die Preise gingen schon in Ordnung: Elmar Wepper und Nina Hoss sind würdige beste Hauptdarsteller, überragt nur von Alexander Kluge, der sichtlich bewegt den Preis für sein Lebenswerk entgegennahm. Aber die ganze Lobhudelei auf den deutschen Film machte vor allem eins schmerzlich bewusst: wie wenig spannende, große, kontroverse, meinetwegen auch grandios misslungene Filme in Deutschland fürs Kino entstehen, zumindest im letzten Jahr. Außer Akins “Auf der anderen Seite” und Petzolds “Yella” war da nicht viel. Dörries “Kirschblüten” sind nett gemeint, aber doch eher ein Wohlfühlfilm für ältere Semester. Es gibt überhaupt keinen Mittelbau, gut gemachte Genrefilme finden anscheinend nur noch im Fernsehen statt. Die Renaissance des deutschen Films ist ein bestens alimentiertes Gerücht.

Wenn Ophelia schwermütig wird

Mittwoch, 23. April 2008 by Mr. Cinema

Heute ist Weltbuchtag, der 23. April, und erst einmal fragt der geneigte Leser: na und? Am 23. April 1616 starb Cervantes, und am 23. April 1564 wurde Shakespeare geboren, auch wenn das nicht ganz sicher ist. Okay, das leuchtet ein, zwei Klassiker, die über jeden Zweifel erhaben sind. Mein Problem ist nur, dass ich von Cervantes’ windmühlenbekämpfenden “Don Quijote” höchstens 100 Seiten gelesen habe, und dies auch schon vor sehr langer Zeit. Meine schöne dtv-Dünndruckausgabe stammt von 1979.

Bei Shakespeare sieht es etwas besser, vielleicht 10 Dramen habe ich ganz geschafft, was nicht viel ist für einen Anglisten. Sehr wenig sogar, wenn ich ehrlich bin. Selbst den “Hamlet” habe ich neulich wieder nur bis zur Hälfte geschafft, fast das ganze Personal lebte noch. Ophelia wurde schon etwas schwermütig, mehr nicht.

Aktuell liegen Martin Mosebachs Indien-Reportagen “Stadt der wilden Hunde” auf meinem Schriebtisch, auch schon seit zwei Wochen. Wieso komme ich nicht mehr zum Lesen? Weil Fernsehen, Internet und Kino einfach nicht so anstrengend sind. Gute Bücher gibt es ja wohl genug, immerhin habe ich Marcel Beyers neuen Roman “Kaltenburg” über Ostern verschlungen. Die Besprechung findet sich hier. Oder hier.

“The Evangelist”: Robert Forster ist zurück

Dienstag, 22. April 2008 by Mr. Cinema


Robert Forster hat ein neues Album veröffentlicht, zehn Songs, fast zwei Jahre nach dem Tod von Grant McLennnan, der im Mai 2006 völlig überraschend im Alter von 48 Jahren an Herzversagen starb. Die Go-Betweens waren von diesem Moment an Geschichte. Forster arbeitete als Musikkritiker, schrieb mit “A True Hipster” einen bewegenden Nachruf auf seinen Freund, und legt jetzt sein neues, denkwürdig großartiges Album vor.

Drei Songs sind noch zusammen mit Grant McLennan entstanden, “Demon Days”, Let your Light in, Babe” und It ain’t easy”, und so ist “The Evangelist” im Grunde noch einmal ein echtes Go-Betweens-Album geworden, die alten Mitstreiter Adele Pickvance und Glenn Thompson sind auch wieder dabei. Aber Forster macht natürlich nicht einfach weiter mit fröhlichem Gitarren-Pop. Ein langgezogener Synthie-Orgelton steht am Anfang vom “If it Rains”, wie ein Signal zum Innehalten. Dann folgt schon das traurige, fast prophetische “Demon Days”.
Die nächsten drei Songs stammen von Forster, schön vor allem das verträumte “The Evangelist”: Pop-Magie pur verströmt “Let your Light in Babe”, und mit dem gar nicht wehleidigen “It ain’t easy” verabschiedet sich Forster von seinem Freund: “And a river and a train and a dream ran through everything that he did (..) A sly grin, that played to win, we will not see his kind again”.

“Vergraemungsmassnahmen” gescheitert

Freitag, 18. April 2008 by Mr. Cinema

Dieses Wort ist in dieser Form nur in der Schweiz möglich, gelesen habe ich es im Zusammenhang mit der Erschießung des Bruders von “Problembär” Bruno. Das Tier hieß JJ3, und alle “Vergraemungsmassnahmen” waren in seinem Fall vergeblich. Vielleicht spricht ja aus dem Wort-Ungetüm doch noch so etwas wie Scham darüber, eine letztlich wehrlose Kreatur zu töten, die nichts anderes tut als ihrem natürlichen Instinkt zu folgen.

Cocktail mit Aussicht

Donnerstag, 17. April 2008 by Mr. Cinema

Es gibt nichts Besseres als an einem nur spärlich bewölkten Aprilabend um sechs Uhr nach getaner Arbeit hoch oben in der Tower-Bar des Hotels Hafen Hamburg in einem bequemen Fauteuil zu sitzen, vor uns das Glitzern des zerstoßenen Eises im Caipirinha-Tumbler, schimmernd die grünen Limetten, mit dem atemberaubenden Blick auf endlos Richtung Harburger Berge sich fortsetzende Hafenanlagen, Brücken, Container, Schiffswerften, Musicaltheater, etc. - und wie klein und spielzeughaft putzig wirken von hier die eifrig sich durch die Wellen arbeitenden Fährschiffe auf der sich dem Sonnenuntergang entgegenstreckenden Elbe!